Mit Bus und Bahn durch Kerala – Zweiter Teil

9. Oktober 2018 Aus Von Anke Brehm

Nun befand ich mich also an einem Busbahnhof in einem kleinen Ort abseits jeglicher Touristenrouten. Es war unheimlich viel los: Hunderte orange gekleidete Pilger stiegen fortlaufen in und aus Bussen. Weder beim Fahrscheinschalter noch im dahinter liegenden Büro konnte ich jemanden finden, der auch nur eine Sekunde Zeit hatte, mir Auskunft zu geben. Ich verstand, dass irgendwo in der Nähe ein religiöses Festival stattfand, dachte mir, dass diese Menge Leute irgendwann alle zu ihrem Zielort gekommen sein würden und beschloss schließlich, ein wenig die Umgebung zu erkunden. Es war sowieso immer noch Vormittag – ich war ja hierher früh morgens aufgebrochen und nur etwa zwei Stunden gefahren. 

Es war ein unscheinbarer kleiner Ort. Ich streifte ziellos herum – glücklicherweise hatte ich nur eine ganz kleine Tasche mit dem Allernötigsten dabei und musste nicht auch noch schwer schleppen. So konnte ich herumlaufen, einen Tabakladen finden und dann ein Kaffeehaus, in dem es hervorragenden Milchkaffee gab. In einem Buchladen kaufte ich mir das erste englischsprachige Buch, das ich je freiwillig ganz durchlas – eine Geschichte von einem bettelarmen Inder, der seinen ganzen Frust an seiner Frau und deren Familie auslässt. Dann schaute ich mich noch nach Hotels um, falls es mit meiner Weiterfahrt heute nicht mehr klappen würde.

Nach einigen Stunden – es war inzwischen Nachmittag – kehrte ich zum Busbahnhof zurück und sah, dass meine Überlegungen richtig gewesen waren: Es gab fast keine Pilger mehr und der ganze Ablauf war viel ruhiger geworden. Jetzt fand ich auch jemanden am Ticketschalter, der Zeit für meine Fragen hatte. Er bedeutete mir, im Wartebereich Platz zu nehmen, er würde mir Bescheid geben, wenn ein Bus Richtung Periyar unterwegs wäre – es war wieder unmöglich für mich, Beschriftungen zu lesen.

Im nach drei Seiten offenen, überdachten Wartebereich beobachtete ich eine Zeitlang zwei Frauen: Beide waren jung, Anfang zwanzig. Die eine in schönem, leuchtendem Sari saß zwischen anderen Leuten, aber offensichtlich ohne jemanden, der zu ihr gehörte, auf einer der Sitzbänke. Die andere war eine Putzkraft, wie sie überall im öffentlichen Raum ständig unterwegs sind, um den Boden zu kehren. Sie alle haben handgebundene, kurzstielige „Hexenbesen“, nicht die bei uns heute üblichen breiten Besen. Sie halten diese in der linken Hand und die rechte bleibt meist hinter dem Rücken, während sie sich Meter für Meter leicht gebückt vorwärts arbeiten.

Die gut angezogene Frau fürchtete sich offensichtlich vor der anderen, welche immer wieder in ihre Nähe kam, in ihre Richtung fegte und sie grimmig-triumphierend ansah. Ich fragte mich, was genau zwischen den beiden abging. War die Sitzende einfach ängstlich, von der anderen, Unberührbaren, beschmutzt zu werden und zeigte das so deutlich, dass diese der Versuchung, es „einer von denen“ mal zu zeigen, nicht widerstehen konnte? Mir kam die Interaktion dafür zu persönlich vor. Vielleicht kannten sich die Beiden aus der Kindheit, waren in Nachbarschaft zueinander aufgewachsen? Das war möglich, denn es gibt in Indien kaum räumliche Trennung zwischen den verschiedenen Schichten, die Abgrenzung der Kasten funktioniert auf andere Weise.

Ich konnte jedenfalls nicht beobachten wie das ausging, denn endlich erwischte ich einen Bus, der mich die halbe Strecke Richtung Periyar brachte.