WENDEKREIS KAPITEL 1

WENDEKREIS KAPITEL 1

1. Februar 2019 0 Von Anke Brehm

Dutzende sitzen in einer ehemaligen Fabrik in Räumen mit hohen Decken, und suchen in den Weiten des DeepWeb. Programme liefern ihnen Wege und Adressen, aber den Zugriff müssen Menschen versuchen.
Verbindungen werden geknüpft, Vertrauenswürdigkeit wird demonstriert, für den Eintritt in Netzwerke, die Gründe haben, sich abzuschotten.
Kaum ist das gelungen, werden die Daten weitergereicht. Das Equipment ist alt, Leitungen vom Hauptcomputer im Keller führen offen am Boden entlang zu den Monitoren auf wackligen Holztischen, in Räumen mit undichten Fenstern, die den Smog von Mumbais Straßen hereinlassen.
Etwas von den Bildern und Filmsequenzen zu sehen, auf deren Vernichtung hier eigentlich hingearbeitet wird, können die Angestellten oft nicht vermeiden. Auch, um den grausamen Eindruck zu mildern, arbeiten die Frauen und Männer nicht in Holoräumen, sondern an altmodischen Flachbildschirmen.
Und doch, trotz aller psychologischen Vorbereitung fängt immer wieder jemand an, zu weinen oder zu schreien. Dann kommen Männer in blauen Kitteln aus einem Nebenraum und führen die Zusammenbrechenden hinaus.

Mike Han findet es oft schade, dass reale Holos ganz anders sind als die Suiten, in denen Picard und seine StarTrek-Kollegen sich gern herumtrieben. Der Raum, den Mike jetzt betritt, ist sechseckig. Fünf der sechs Wände sind fast raumhohe Bildschirme, die andere Orte so darstellen, als ob man direkt hineinspazieren könnte.
Mike stellt sich an die Konsole in der Mitte. „Im Schnelldurchlauf abspielen“ befiehlt er und betrachtet fünf Räume mit jeweils Dutzenden Menschen an 2D-Bildschirmen. In vier davon muss mehrmals pro Stunde ein Zusammengebrochener hinausgeführt und durch einen Neuen ersetzt werden. Im fünften nur einmal am Tag.
„Okay“, sagt Mike schließlich. „Was ist da anders?“

Im mittleren Display erscheint sein Freund Pranav, der in seinem eigenen Wohnzimmer sitzt; im Hintergrund sieht Mike Pranavs Enkel mit Duplosteinen spielen. Die anderen Holoschirme zeigen jetzt eine junge Frau, fast noch Mädchen, in verschiedenen Räumen und Perspektiven, aber immer fröhlich lächelnd, mit einer Herzlichkeit, die Mike das Herz aufgehen lässt. Und nicht nur ihm: Sobald die kleine, schlanke Person mit dem geflochtenen schwarzen Haar sich in den kurzen, offensichtlich von Überwachungskameras gefilmten Sequenzen jemandem zuwendet, strahlt die Person auf. Nach einigen Minuten erstarren die Szenen und Pranav sagt: „Was in unserer Mumbaier Filiale anders ist? Die Antwort findest du in den Fähigkeiten dieser Frau. Komm her und sprich mit ihr.“

Das Gespräch der beiden Freunde zieht sich noch einige weitere Minuten hin und als Mike den Raum und das Züricher Gebäude von Netpol, der internationalen Taskforce gegen Cyberkriminalität verlässt, hat er sich bereits für übermorgen in Mumbai verabredet und das Flugticket dorthin gekauft. Denn wenn es stimmt, was er eben erfahren hat, wartet dort, sieben Flugstunden entfernt, tatsächlich die Lösung eines lange bestehenden Dilemmas. Die Aufgabe der Angestellten in den EDV-Zentren von Netpol ist es, kriminelle Aktivitäten im DeepWeb ausfindig zu machen, insbesondere Gewalttaten. Tagtäglich werden unendlich viele Vergewaltigungen, Folterungen, rituelle Körperverletzungen bis hin zu langsamen Tötungen über Tage hinweg gefilmt und ins Netz gestellt, sehr oft mit kleinen Kindern als Opfer. Es ist immer noch nicht gelungen, Algorithmen zu finden, die Computerprogrammen ermöglichen, solche Grausamkeiten einwandfrei von normalen Pornos zu unterscheiden. Die Programme können bis zu einem gewissen Grad vorsortieren, aber Menschen müssen sich das anschauen um zu entscheiden, worum es sich tatsächlich handelt. Kann man eine Seite im WWW zulassen, muss man sie sperren, können Täter ausfindig gemacht und strafrechtlich verfolgt werden? Darüber können nur Menschen urteilen. Jedoch ist das Betrachten solcher Bilder eine unvorstellbare Belastung. Fast ein Drittel aller Neulinge gibt schon am ersten Arbeitstag auf, ein weiteres Drittel innerhalb der ersten Woche. Von den Verbleibenden ist ein Großteil so veranlagt, dass sie die grausamen Bilder genießen – ein offenes Geheimnis, das Netpol bisher hingenommen hat, weil es sonst noch weniger Leute gäbe, die den Job eine Weile aushalten. Aber eigentlich ist es nicht hinnehmbar, weshalb seit Jahren intensiv nach Möglichkeiten gesucht wird, das Problem zu beheben.

Wenn es stimmt, was Pranav sagt, wenn da wirklich jemand eine Technik entwickelt hat, die es ermöglicht, die Tätigkeit an Netpols Bildschirmen ohne größere psychische Schäden bewältigen zu können – das wäre ein großer Schritt vorwärts. Dafür wirft Mike gern seinen Terminkalender über den Haufen und fliegt in die indische Metropole.

Mike schließt den Windbreaker über seinem dicken Bauch und schützt seine Glatze mit einer Mütze. Die Wohnungen der Mumbaier Highsociety in luftigen Höhen sind stark gekühlt, wie auch die Seilbahnkabinen, die ihn vom Flughafen zu Pranavs Wohnung in der obersten Etage eines Wolkenkratzers transportieren. Das Gewimmel in den Straßen ist von hier oben nur gedämpft durch dicke Smogschleier zu erkennen. Mike erinnert sich, wie gern er früher durchs lebendige, warme, bunte Mumbai streifte. Jetzt lebt niemand mehr freiwillig da unten und auch er ist froh, in abgeschirmten Räumen gefilterte, kühle Luft zu atmen und für notwendige Abstiege dort hinunter über Atemmasken zu verfügen.

Nach einer Nacht in Pranavs Gästezimmer müssen die beiden Männer tatsächlich dort hinunter. Den Weg kann man mit Aufzügen, U-Bahnen und durch abgeschirmte Gänge so bewältigen, dass die Gasmasken nur als Sicherheitsmaßnahme mitgeführt werden. Die Zentrale selbst ist ein im Verfall begriffenes Gebäude, nur die Räume für die höheren Angestellten sind isoliert und klimatisiert. Es erscheint Mike immer grausam, von Pranavs schönem Büro durch dicke Scheiben zu den Großraumbüros hinunter zu schauen, wo arme, schlecht bezahlte Menschen eine furchtbare Arbeit verrichten und dafür nicht einmal in den Genuss sauberer Luft kommen. Doch wie ihm Pranav erklärt hat, wäre es noch schlimmer, vor den Augen der Leute dort in Gasmasken herumzulaufen, wo diese selbst ohne solche Hilfmittel sitzen. Da bestellt man sie lieber ins eigene Büro, wo sie wenigstens für einige Minuten ebenfalls gefiltertete Luft atmen.

Eben ist die Frau hereingekommen, deren Bild Mike vom Holoraum kennt. Die strahlende Erscheinung der zierlichen Inderin mit dem lieblichen Lächeln beeindruckt ihn noch mehr als neulich in der Videoaufnahme.
Sie streckt ihm ihre Hand entgegen, die er drückt, während Pranav erklärt: „Jayeeta löst unser größtes Dilemma. Sie verfügt über eine Technik,
verstörende Erinnerungen gezielt abzukoppeln und in bestimmten
äußeren Hirnarealen zu speichern. Derzeit trainiert sie Neulinge,
entsprechende Bilder direkt bei Sichtung dorthin zu transportieren, bevor
sie ins Bewusstsein gelangen. So können sogar Zartbesaitete den Job machen, ohne vom Grauen überwältigt zu werden. Es handelt sich praktisch
um eine kontrollierte Variante multipler Persönlichkeiten.“
„Was?“ Mehr fällt Mike dazu erstmal nicht ein.

Es ist Freitag. Mehmet hasst Freitage, die wöchentlichen Stresstage vor der Printausgabe, in der immer mindestens die Hälfte des Contents neu sein muss, noch nicht im Netz veröffentlicht, weil sonst überhaupt niemand diese altmodisch auf Papier gedruckte Wochenzeitung kaufen würde. Und er, Mehmet, als Chefredakteur verantwortlich, fragt sich jeden Freitagmorgen, wofür so eine Printausgabe eigentlich gut sein soll und warum die Manager des Verlagshauses sich nicht dafür entscheiden können, einfach nur noch online zu veröffentlichen, wie die meisten anderen Zeitungen auf dem Planeten heutzutage auch.

Mit dieser Frage schlägt er sich die ganzen zwanzig Sekunden rum, die der Turbolift braucht, um ihn in die dreißigste Etage des Wolkenkratzers zu bringen, wo die Büroräume der leitenden Redakteure des Weekly Tech Journal untergebracht sind. Doch sobald die Türen des Aufzugs sich öffnen und Mehmet das Großraumbüro voller geschäftiger Kollegen durchquert, füllt sich sein Kopf mit den dringenderen Fragen des Moments und schiebt alles andere beiseite.

Was liegt an?“, fragt er Charly. Sein androgyner Assistent, der immer (immer!) vor ihm hier ist und seine Termine organisiert, schaut vom PC auf.
Colja vom Deepwater Consortium kommt gleich mit einer Kollegin für ein Interview. Es wurden drei Stunden dafür angesetzt.“
Ach ja? Warum weiß ich davon nichts?“
Vielleicht, weil du nie im Voraus wissen möchtest, was dich am Freitag erwartet. Du überlässt es immer mir, alles vorzubereiten, damit Du möglichst wenig Stress hast, über den Du dich dann trotzdem beschwerst.“
Mehmet schaut seinen Assistenten nachdenklich an.
Kann es sein, dass dir dein Job nicht mehr gefällt?“
Charly erwidert den Blick ruhig, ein kleines Lächeln in den Augenwinkeln.
Ehrlich gesagt hätte ich lieber deinen.“
Na, dann ist ja alles klar“, ist Mehmets mit einem Grinsen vorgebrachte Antwort, bevor er sein geräumiges Büro betritt, dessen breite Türe sich mit einem leisen Summen automatisch hinter ihm schließt.
Kaffee!“, ruft er und bewegt sich quer durch den großen Raum auf die Maschine zu, aus der unverzüglich das Zischen ertönt, mit dem ein doppelter Espresso eine Porzellantasse füllt. Er nimmt sie und setzt sich an seinen Schreibtisch. Ein Monitor leuchtet auf.
Akte Deepwater Consortium!“ Ein Fenster nach dem anderen poppt auf und Mehmet stöbert ein wenig darin herum. Nichts Neues. Nichts, was verraten würde, warum Colja gerade heute ein Interview angesetzt hat. Naja, die vom Consortium waren immer wieder für eine Überraschung gut, seit sie vor – wie lange ist das her? – vor gut fünfzehn Jahren angefingen, die riesige Fabrik in der Tiefsee zu bauen, in der dieses ganze verdammte Plasik aus allen Weltmeeren gesammelt und zu anderen Materialien verarbeitet wurde, welche wiederum zum Bau weiterer Fabriken dienten. Inzwischen ist die See fast welt weitestgehend vom Abfall befreit und umfunktionierte Riesentanker transportieren stattdessen gigantische Halden aus Entwicklungsländern ab. Obwohl das Consortium scheinbar nicht viel mehr tut, als Müll zu sammeln und zu verarbeiten, war es seit seinen Anfängen Gegenstand wildester Verschwörungstheorien. Vielleicht, weil in diesen Zeiten des Superkapitalismus kaum jemand glauben kann, ein Zusammenschluss schwerreicher Leute, die ein riesiges Unternehmen außerhalb der Reichweite jeglicher nationaler Gesetzgebung betreiben, könnte tatsächlich nur altruistische Ziele verfolgen.

Colja und Marina sind hier“, verkündet Charlys Stimme.
Dann lass sie rein.“
Die Tür öffnete sich, noch bevor er ausgesprochen hat, und Colja tritt hindurch, dicht gefolgt von einer Frau, deren raubtierhafte Schönheit Mehmet unverzüglich den Atem raubt.
Den mittelgroßen, breit gebauten Colja, dessen Muskelspiel bei jeder Bewegung unter seinem engen Shirt sichtbar ist, einer der für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Leute des Consortiums, hatte er schon öfter getroffen. Das Weekly Tech Journal ist schließlich die führende Zeitung Europas zum Thema und der Gesprächspartner der Wahl, wenn neueste technologische Errungenschaften einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen.
Die kurzhaarige, dunkelhäutige Frau, die jetzt mit weiten, geschmeidigen Bewegungen auf flachen Sandaletten über den kurzflorigen, beigen Teppich schreitet, ist einen halben Kopf größer als ihr Begleiter. Selbstbewusstsein strömt ihr aus jeder Pore. Colja war trotz seiner Freundlichkeit und Offenheit schon immer ein etwas einschüchternder Mensch, einfach aufgrund dieser Selbstsicherheit, die man vielleicht zwangsläufig erwirbt, wenn man als Mitglied einer der reichsten Familien der Welt aufwächst. Aber diese Frau toppt ihn bei weitem. Als sie Mehmet die Hand reicht und kurz drückt, erwartet er fast, einen elektrischen Schlag zu bekommen. Natürlich geschieht nichts dergleichen. Es werden Begrüßungsfloskeln ausgetauscht, Getränkewünsche geäußert und erfüllt, und sich in bequeme Stühle an Mehmets Tisch gesetzt.
Wie ich sehe, habt ihr dieses Gespräch schon vor Monaten angesetzt, ohne eine Andeutung worum es geht. Jetzt bin ich gespannt!“ Mehmet bewegt eine Hand, um das in den niedrigen Tisch vor ihm eingebaute Aufnahmegerät zu aktivieren, und Colja beginnt zu sprechen.
Was wir zu sagen haben, wird die ganze Welt wissen wollen. Es sind sehr umfangreiche Informationen, die wir heute herausgeben, deshalb wurden sie aufgeteilt. Dir erzählen wir jetzt von der Technik, während unsere Kollegen gleichzeitig in acht Redaktionen auf fünf Kontinenten von anderen Aspekten berichten. Alle Interviews werden anschließend gleichzeitig und unterfüttert mit zusätzlichem Informationsmaterial, ins Netz gestellt.“
Moment mal“, fährt Mehmet auf. „Ich dachte, du hast was für unsere Printausgabe. Wenn ihr schon alles vorbereitet habt und wisst, wie und wann ihr es herausgeben wollt, was habe ich dann davon?“
Die Frau ihm gegenüber macht nur eine kleine, eine winzige Bewegung – die genügt, um Mehmet das Gefühl zu vermitteln, dass er eben etwas ungeheuer dämliches gesagt hat. Er widersteht der Versuchung, sich beschämt in irgendein Loch zu verkriechen. Colja ergreift wieder das Wort.
Wir sind überzeugt, dass die Menschen es brauchen, gleich ihre ersten und drängendsten Fragen beantwortet zu bekommen. Die rohen Daten und Fakten allein würden nur Misstrauen und Angst schüren. Fragen zu beantworten, bevor die Öffentlichkeit sie überhaupt stellen kann, schien uns der beste Weg. Was du davon hast? Du kannst deine ganze Printausgabe damit füllen. Es wird einen Run auf die paar Zeitungen geben, die die ersten Interviews dazu geführt haben. Du wirst dadurch zum Star werden. Und jetzt hör einfach zu.“
Er wechselt einen kurzen Blick mit Marina und greift dann nach seinem Wasserglas, während die Frau zu sprechen beginnt. Ihre Stimme ist ein tiefes Alt, die Aussprache mit einem winzigen Akzent unterlegt, der nichts über ihre Herkunft verrät. 

Lass mich zu Beginn, für den richtigen Einstieg, die bekannten Fakten zusammenfassen. Es ist beinahe sechzehn Jahre her, dass wir begannen, in der Südatlantischen Tiefsee dieses Gebilde zu bauen, das als plastikverarbeitende Fabrik bekannt wurde. Der Standort, weit von jeder Küste entfernt, wurde nicht zufällig gewählt. Offiziell wurde angegeben, es gebe dort in der Tiefsee Öl, mit dem wir den Energiebedarf der Fabrik decken könnten.“
Marina greift nach ihrem Glas. Während sie einige kleine Schlucke nimmt, wird Mehmet plötzlich klar, dass er schon Bilder und Filmsequenzen mit ihr gesehen hat (auf denen ihre beeindruckene Präsenz nicht vermittelt wurde), und dass sie zwar vielleicht nicht von Anfang, aber doch schon sehr früh am Projekt beteiligt gewesen sein muss – und deswegen unmöglich so jung sein kann, wie sie wirkt. Sie muss mindestens Mitte Dreißig sein. Sein nächster Gedanke ist, dass die Verschwörungstheoretiker recht gehabt hatten. Es steckt tatsächlich mehr hinter der Fabrik, viel mehr.
Nun, das war gelogen“, fährt Marina jetzt fort.
In Wahrheit hatten wir eine Möglichkeit entwickelt, uns die Energie des Wasserdrucks in der Tiefsee nutzbar zu machen. Diese Idee kam unter den Gründern des Konsortiums ungefähr gleichzeitig mit dem Plan auf, das Plastik in den Meeren als Rohstoff zu nutzen. Materialumwandlung war rein theoretisch schon seit einer Weile technisch machbar, das Problem war, dass sie ungeheure Mengen an Energie erforderte. Zu viel. So lange nicht eine neue, reichlich sprudelnde Energiequelle erschlossen wurde, war an eine Umsetzung nicht zu denken. Als wir darauf kamen, den Druck des Tiefseewassers zu nutzen, war der Plan zur Fabrik geboren.“
Jetzt ergreift wieder Colja das Wort.
Marina ist mal wieder viel zu bescheiden. Sie selbst war es, die den Einfall als erste hatte. Und damals war sie noch keine Fünfzehn! Marina hatte anfangs nur einen kleinen Anteil am Projekt, blieb aber immer am Ball und stieß nach ihrer Dissertation in Experimentalphysik zu uns.“
Das spielt doch jetzt keine Rolle,“ unterbricht ihn die Frau mit leicht verärgertem Unterton. „Jedenfalls wurde der Ort für die Errichtung des Projekts sehr bedacht gewählt. Es musste eine Stelle genau über dem Mittelozeanischen Rücken sein, aus Gründen, die noch zur Sprache kommen. So fiel die Wahl auf den bekannten Ort im Südatlantik, ziemlich genau am südlichen Wendekreis.“
Das hat die Welt ja mitgekriegt“, fährt Colja jetzt wieder fort. „Das Interesse war groß, doch als wir über die Monate und Jahre in aller Ruhe einfach nur mit Schiffen über die Ozeane fuhren, Plastik einsammelten und verschwinden ließen, ohne mehr als unbedingt nötig über die technischen Einzelheiten verlauten zu lassen, vergaß uns die breite Öffentlichkeit weitestgehend. Die verschwörungstheoretischen Spinner waren nicht von Belang, weil niemand Relevantes sie je ernst nahm. Wir konnten unser Projekt in Ruhe wachsen lassen. Und es wuchs tatsächlich noch viel schneller und wurde noch viel größer, als wir das anfangs geplant hatten. Deshalb treten wir jetzt an die Öffentlichkeit. Wir sind zu groß geworden, um uns weiter zu verstecken.“
Die kleine Pause, die er jetzt einlegt, ist offensichtlich dazu gedacht, dem Journalisten Gelegenheit für die Frage zu geben: „Was heißt das nun? Wie groß seid ihr, oder ist euer Projekt denn geworden?“
Es ist Marina, die antwortet:
Wir haben eine Stadt geschaffen. Eine völlig autarke, supermoderne, emissionsfreie und wunderschöne Stadt, in der jetzt bereits zehn Millionen Menschen leben. Damit ist sie vollkommen unterbelegt, denn wir haben Platz für eine Milliarde! Deshalb sprechen wir jetzt die Einladung aus: Wer möchte, kann kommen und mit uns leben in dieser Stadt, die wir, weils einfach naheliegend war, Deepwater City nennen.“

 

Im Fond einer autonomen Limousine durchquert der Patriarch sein Grundstück, vielmehr sein liebstes Grundstück, denn selbstverständlich besitzt er Land auf allen Kontinenten. Doch nur zu diesem Park hier, in einer dünn besiedelten Gegend der unpopuläreren nördlichen Staaten der USA hat er einen persönlichen Bezug. Seit der Errichtung des Hauses verwildert das kaum von Gärtnern gestörte Parkgelände zu einem Wald, der ist von einer Mauer eingeschlossen, um die sich ein breiter Streifen Brachgelände erstreckt, welches wiederum von einer Mauer mit Warnschildern und falschen Hinweisen auf ein chemisches Versuchsgelände umgeben ist. Das Wohnhaus des Patriarchen, das er beim Bau vor zwanzig Jahren als seine ‚Junggesellenbude‘ errichten ließ und damit drei Exfrauen und sieben Kinder vor den Kopf stieß (was ihm völlig egal war, er nahm es kaum zur Kenntnis), ist mitsamt einem relativ kleinen Garten von einer weiteren Mauer umgeben.

In jüngeren Jahren hätte er die Fahrt durch den Parkwald zum Diktieren genutzt, doch heute genießt er den Anblick des Herbstlaubs im Licht der bald untergehenden Sonne, bis sein leise summender Wagen das innere Grundstück erreicht, dem geschwungenen Fahrweg zur Tiefgarage folgt und schließlich anhält.

Alles in seinem Bungalow, von der Sicherheit über die Reinigung bis zur Minibar, der er ein Glas perfekt temperierten Rotweins entnimmt, funktioniert vollautomatisch. Darum verbringt er so gern seine Abende hier: Keine Verwandten, keine Angestellten, kein einziger Mensch. Vollkommene Ruhe. Am Wein nippend blickt er durch eine Terassentür hinaus in die Dämmerung.
Und sieht in der spiegelnden Scheibe jemanden hinter sich stehen.

Er erschrickt nur einen kurzen Augenblick, bevor er die schmale, hochgewachsene Gestalt erkennt. Es ist nichtmal nötig, sich umzudrehen, denn es ist klar, dass Charles nicht wirklich hier ist, sondern eine Projektion in die Scheibe eingespielt hat. Sowas kann er, ganz unbeeindruckt vom teuersten Sicherheitssystem der Welt, das muss man ihm lassen.
„Du weißt, dass mich sowas das Leben kosten kann.“ begrüßt der Patriarch seinen Enkel.
„Ach was, du stirbst bestimmt nicht an einem Schrecken. Falls doch,
könnte man es als ausgleichende Gerechtigkeit betrachten.“ Die Stimme des jungen Mannes kommt von den Lautsprechern des Haussystems, nicht etwa direkt aus dem Mund einer hinter dem Patriarchen stehenden Person. Der mustert die Gestalt im Glas. „Hast dich lange nicht gemeldet, Charles.“
„Ist ja kaum noch möglich, an dich ranzukommen, Granpa. Du bist völlig abgeschottet, mehr denn je. Vielleicht solltest du den Apparat um dich herum darüber informieren, dass ich zu denen gehöre, die dir zumindest Nachrichten zukommen lassen dürfen.“
„Vielleicht. Könnte aber auch sein, dass ich das gar nicht will. Also, was treibt dich heute, mir meinen Abend zu vermiesen?“
Ich möchte dich nur vorwarnen: Binnen Kurzem werden alle relevanten Tatsachen über Deepwater weltweit verfügbar sein. Wir gehen damit an die Öffentlichkeit – und ein Großteil der Infos wird sogar dich überraschen!“

Der alte Mann, immer noch schlank und sich kerzengerade haltend, so dass seine Silhouette von der seines Enkels nicht zu unterscheiden wäre, mustert Charles nachdenklich. Nur das leichte Hochziehen seiner linken Braue gibt einen Hinweis darauf, dass ihn die Mitteilung überrascht und verärgert.
„Wir hatten eine Vereinbarung, Charles!“
„Ja: formlos, mündlich. Sie wäre auch vor keinem Gericht durchsetzbar gewesen, stimmts, Großvater? Du, der große Patriarch der erlauchten Familie R., hast dir ein autarkes Imperium außerhalb jedes existierenden Rechtssystems aufbauen lassen. Oder zumindest dachtest du dir das so. Elitewissenschaftler, bestes Equipment, Zugang zu geheimsten Forschungen und Entwicklungen; alles bekamen wir, hauptsächlich weil du dem Tod ein Schnippchen schlagen willst und scharf darauf bist, mithilfe medizinischer Erkenntnisse noch Jahrzehnte zu leben und dann zu herrschen, über ein autarkes Reich mitten im Atlantik, dem du als Alleinherrscher vorstehen wolltest. Das hast du deutlich genug gemacht.
Doch wir hatten keinen Moment vor, die Vereinbarung einzuhalten. Deepwater war von uns als Arche konzipiert, lange bevor ich dir als Investor das Projekt schmackhaft machte. Wir haben schon in der Highschool begonnen, sie zu planen. Du warst uns nützlich, aber unsere Stadt bekommst du ganz sicher nicht.“
„Charles, hast du vielleicht vergessen, wer ich bin? Worüber ich Kontrolle habe? Ich kann mehrere Armeen in verschiedenen Ländern befehligen, auch Atommächte. Ich kann euch auf Knopfdruck vernichten!“
„Nicht mehr, Granpa. Darum machen wir ja gerade jetzt diesen Schritt. Wir haben eine Verteidigungsstruktur entwickelt, dagegen ist dein Sicherheitssystem lächerlich.“ Wenn du gegen uns vorgehen willst, solltest du dir eine andere Strategie überlegen als die militärische.“

Charles war nie Liebling seines Großvaters gewesen, der eine stattliche
Anzahl Nachkommen gezeugt und sich den Beinamen Patriarch durch
strenges Regime über seine Verwandtschaft erworben hatte. In der Familie war es normal, dass man Wertschätzung für Geschäfte oder allgemein eben für Geld empfand. Jedes andere Interesse war untergeordnet und wurde als Hobby angesehen. Als der hochbegabte Charles schon als Kleinkind naturwissenschaftliche Interessen entwickelte, initiierte der Patriarch die Errichtung einer elitären Schule für die begabteren Söhne und Töchter der reichsten Familien der Welt, damit diese dort dazu erzogen würden, ihre besonderen Fähigkeiten den Geschäfte ihrer Familien zugute kommen zu lassen. Die junge Elite sollte unter sich bleiben, während sie hervorragendes Wissen und Fähigkeiten erwarb. Die reichsten Familien legen Wert darauf, ihre Kinder nicht mehr als unbedingt nötig mit Angehörigen anderer Schichten zusammenkommen zu lassen; man setzt auf Privatunterricht für die Jüngeren und spezielle Eliteschulen. Dass eine solche Schule jedoch besonderen Fokus auf Naturwissenschaften, Technik und IT legt, ist ungewöhnlich in einem Environment, wo niemand damit rechnet, jemals für seinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Der Patriarch war weitsichtig, als er sie errichten ließ und verfolgte bestimmte langfristige Pläne, die über die üblichen Machtspiele und Geschäftspläne hinaus gingen.

Doch etwas lief von Anfang an schief. Der Patriarch hat zu spät gemerkt, dass die Gefahr für seine Pläne bei den Lehrern lag. Will man die allerbesten Pädagogen und Wissenschaftler, muss man sie aus allen Schichten holen – und scheinbar sind die klügsten Leute überdurchschnittlich häufig linksgrün veranlagt, woran das auch immer liegen mag.
Jedenfall übten manche Lehrer auf Charles und einige Mitschüler, unbemerkt von deren Familien einen so zersetzenden Einfluss aus, dass die Jugendlichen soziales und ökologisches Verantwortungsgefühl zu entwickeln begannen und schon während der Schulzeit Pläne für eine Zukunft entwickelten, die dem, was der Patriarch vorgehabt hatte, völlig entgegengesetzt waren. Und sie waren intelligent genug, ihre wahren Intentionen vor ihm und allen Außenstehenden von Anfang an zu verbergen.

Der alte Mann ist in Gedanken an seine Fehler in der Vergangenheit versunken. Als er wieder ins Hier und Jetzt zurückkehrt, ist das Abbild seine Enkels in der Scheibe längst verschwunden.

Ehrlich jetzt? Das ist kein Experiment oder so?“
Gabi und Corinna sitzen im vom Netz abgeschirmten Redaktions-Talkroom,
der mit bequemen Sofas, einem niedrigen Tisch, Flokatis auf dem Boden und prächtigen Zimmerpflanzen wie eine Wohnhöhle für Althippies rüberkommt. Nicht gerade das, was man sich unter dem Interviewraum einer international renommierten Onlinezeitschrift vorstellen würde, aber die Umgebung der Wahl, wenn die Inhalte eines Interview auf jeden Fall bis zur Veröffentlichung geheim bleiben sollen.
Formal betrachtet ist Corinna die Fragestellerin, die allerdings heute bei Beginn des Gesprächs keine Ahnung von dessen Anlass hatte. Der Termin war von Gabis Büro mit Corinnas Sekretär vereinbart worden. Nähere Angaben zum Gesprächsinhalt sind da nie nötig, bei der Zeitschrift weiß man seit Jahren, dass Gabi immer mit interessanten soziologischen Details über das geheimnisvolle Deepwater-Projekt aufwartet. Seit dem Bau der gigantischen Fabrik, die mitten im Südatlantik errichtet worden war, standen PR-Leute des Erbauerkonsortiums parat, um ganz bestimmte Medien exklusiv mit Informationen zu versorgen. Das deutsche WeeklyTechJournal und die US-amerikanische Zeitung BusinessAsUsual wurden von Beginn an mit relevanten Informationen versorgt, aber mit dem rasanten Wachstum des Projekts erweiterte sich das Themenspektrum. So tritt Gabi, promovierte Soziologin, Bildungswissenschaftlerin und Gründungsmitglied des Deepwater-Projekts, mit der populären spanischen Journalistin Corinna von PSK PolitikSozialesKultur seit zwölf Jahren immer dann in Kontakt, wenn es etwas Neues zum Themenkomplex des Online-Magazins zu berichten gibt. Doch was sie eben zu erzählen begonnen hat, geht über die einfache Bedeutung von ‚Neuigkeit‘ weit hinaus.

Das Projekt selbst ist schon ein Experiment,“ erwidert Gabi Corinnas Frage.
„Aber ein wirkliches? Keine Fakestory, um Reaktionen der Leute zu testen?“
„Nein, alles ist wahr. Eigentlich haben wir ziemlich Angst vor den Auswirkungen. Das war ja der vorrangige Grund für die ganze Geheimhaltung. Wenn die Leute erst verstehen, dass es Deepwater City wirklich gibt, werden Verschwörungstheorien nur so sprießen.
Man wird uns bekämpfen. Schau, wir haben dieses riesige Gebilde geschaffen. Mit super weit entwickelten Techniken. Das ist schon mal unheimlich, jedenfalls aus Sicht einer misstrauischen Masse. Wer wird schon unsere Unterlagen konsultieren, um zu verstehen, wie wir das konnten?
Es ist doch viel einfacher, Verschwörungstheorien zusammenzuspinnen. Auch die abstrusesten Ideen werden Follower finden. Außerirdische oder wahlweise Unterirdische oder irgendwelche Meereslebewesen unterstützen oder kontrollieren uns, wir wollen die Menschen in eine Falle locken und dann irgendwas Böses mit ihnen anstellen… Dinge dieser Art, in verschiedensten Variationen. Ich meine, bis heute weigern so viele sich zu glauben, dass Menschen ohne irgendeine geheimnisvolle helfende Macht die Pyramiden errichten konnten. Für solche Leute spielt es nicht die geringste Rolle, dass längst nachgewiesen wurde, wie die Ägypter das schaffen konnten: Es wird trotzdem steif und fest das Gegenteil behauptet. Diese Art von Verschwörungstheoretiker werden unsere Erklärungen ignorieren und einfach Spekulationen über Hintergründe in die Welt setzen, die von vielen einfachen Gemütern geglaubt werden.“
„Und womit wollt ihr uns überzeugen, dass es anders ist?“
„Erstmal, indem wir mit guten Journalisten wie dir reden. Darum haben wir diese ganze Enthüllungssache als konzertierte Aktion minutiös geplant. Neun Journale mit internationaler Reichweite werden jetzt gerade in Kenntnis gesetzt, jedes wie immer bezogen aufs eigene Spezialgebiet, alle Interviews werden, zusammen mit ausführlichen Zusatzinfos, Bildern, Holofilmen und so weiter, gleichzeitig ins Netz gestellt. Dann kann jeder, der das möchte, unsere Angaben überprüfen. Nur, dass es eben eine gewisse Klientel gibt, die einfach allem gegenüber misstrauisch ist. Damit müssen wir leben.“

Liebe Follower,
wenn alles wahr ist, was einige Reporter namhafter Magazine inklusive mir
als Berichterstatterin für PSK PolitikSozialesKultur, eure intermediale Plattform, heute erfahren haben, dann ist das ein ganz schöner Hammer.
Unglaublich, dass Gabi und Kollegen dieses Riesen-Ding bisher geheim halten konnten. Und jetzt läuft ihr Schritt an die Weltöffentlichkeit voll synchron, von Null auf Neun Milliarden in einem Tag!
Während ich dies für euch aufzeichne, habe ich immer noch nur eine
Ahnung worum es genau geht, aber in einigen Stunden sollt ihr es alle wissen. Die Kollegen und ich fliegen da jetzt erstmal hin und schauen es uns an.“

Hier spricht eure völlig geplättete Reporterin Carola von PSK.
Claudia und ich wurden vom Dach des Redaktionsgebäudes von einem Alphaflyer abgeholt, der helicoptermäßig vertikal landete und wieder
startete, auf Mach-6 beschleunigte und unser Ziel im Südatlantik
in Nullkommanichts erreichte.
Eben sah ich eine gigantische weiße Kuppel am Horizont, dann tauchten wir auch schon unter den Meeresspiegel, denn der Flyer schwimmt auch;
und hatte ich erwähnt, dass die gesamte spiegelnde Oberseite seiner Hülle
von innen transparent ist? Das ermöglicht uns eine unglaublich eindrucksvolle Sicht, gerade jetzt, da wir uns diesem unfassbar riesigen unterseeischen Gebilde nähern, das einer überdimensionalen Schichttorte ähnelt.“

Schmerzen. Sie beherrschen ihr Leben schon so lange, Angela kann sich kaum erinnern, dass es mal anders war. Still liegt sie da, übers Schreien längst hinaus. An der Wand laufen Holofilme, um sie abzulenken. Es klappt nur selten.
Nachts erhält sie etwas Morphium, tagsüber Cannabinoide, intravenös zugeführt wie ihre Nahrung. Sie kann nichts mehr tun als im Klinikbett zu liegen, sie kann nichts mehr fühlen außer der ständigen Pein. Täglich empfiehlt ein Arzt stärkere Mittel, aber sie lehnt ab. Wenn sie zu betäubt ist, wird ihr Lebenswille dahindämmern – und nur der Wille hält sie noch.
Sie will leben. Trotz allem leben.

Oft denkt sie an Wendy ihre Freundin, die Angst gehabt hatte, „von Maschinen am Leben gehalten zu werden“. Leute starben zu jener Zeit in Krankenhäusern aufgrund schlechter Versorgung und katastrophaler Pflegebedingungen. Doch gleichzeitig boomten Patientenverfügungen, die verboten, vorm nahenden Tod gerettet zu werden. Fast alle Bewohner der westlichen Hemisphäre schienen wie besessen von der Angst, als sieche Alte jahrelang an Geräte angeschlossen vor sich hin zu dämmern. Angela hatte sich damals zu fragen begonnen, ob vielleicht eine Art Verschwörung dahinter steckte, die durchs Schüren solcher Ängste Alte möglichst frühzeitig loszuwerden versuchte.
Angela war dabei, als man Wendy nach einem Unfall die lebenserhaltenden Geräte abschaltete. Sie schaute in die Augen der gerade Vierzigjährigen, sah sie flehen, wusste, die Freundin hätte dem Leben gern noch eine Chance gegeben. Doch weder Verwandte noch Ärzte hörten auf sie, wollten die Verletzte nur unbedingt „erlösen“. Es war gleich danach, dass Angela eine Verfügung formulierte, in der sie ausdrücklich verlangte, unter allen Umständen so lange wie möglich am Leben gehalten zu werden.

Die Agonie beherrscht sie wie immer, doch gleichzeitig durchströmen sie plötzlich beinahe vergessene Freude und Zuversicht, als ob etwas Wunderbares auf sie wartet. Ist das Dope heute besonders gut, wurden die Cannabinoide verstärkt? Während sie den Empfindungen nachspürt, bemerkt sie durch den Schleier ihrer Schmerzen die Anwesenheit ihrer Ärztin und einer unbekannten Asiatin.
„Angela, hören Sie?“ Schließen und Öffnen der Augen bedeuten ‚ja‘, wenn man nichtmal nicken kann.
„Sie wollten sich für Humanexperimente zur Verfügung stellen, wenn Heilungschancen bestehen, stimmt das noch?“
Hoffnung… Hoffnung!
„Wir können Sie vielleicht vollständig heilen. Wollen Sie der erste Mensch sein, an dem wir unsere neuartige Methode anwenden?“
Ja, verdammt noch mal, JA!

Sofort geht die Action los und Angela, die weiterhin alles wie durch einen Nebel wahrnimmt, wird anscheinend aufs Dach des Krankenhauses gebracht, dort in ein Flugzeug verfrachtet und in eine futuristische Koje umgebettet; während ein Motor startet.
Plötzlich, völlig unerwartet und ungewohnt, hört sie eine klare Stimme so deutlich sprechen, als ertöne sie in ihrem Kopf.
„Wenn Sie mich verstehen, denken Sie ‚Ja‘.“ Es ist die fremde Asiatin, die so zu ihr spricht.
Sie tuts, es wird an Geräten herumgefummelt, dann: „Haben Sie Fragen?“
Und ob! Wer seid ihr, wie macht ihr das?
„Wir sind Forschungsmediziner der Wendekreis-Klinik in DeepWaterCity. Eine neurale Verbindung in ihr Gehirn ermöglicht dieses Gespräch.“
Die Bezeichnungen sagen ihr nichts, aber das ist nicht von Belang.
Sie denkt noch eine Frage.
„Es ist eine schmerzfreie gentechnische Behandlung. Wenn alles so klappt wie bei unseren Versuchstieren, werden Sie nicht nur innerhalb weniger Tage gesund, sondern körperlich um Jahrzehnte verjüngt sein.“ ist die unglaubliche Antwort.