Noch etwas aus der Schublade

16. September 2018 Aus Von Anke Brehm

Spielball

Sein Wecker ist eine männliche Stimme aus dem Net, entsprechend Anands Voreinstellung mit tiefer Stimmlage, im Ton freundlich, aber distanziert. Sie wünscht guten Morgen, informiert über die Uhrzeit – sechs Uhr fünfzehn – und weist darauf hin, dass ein Mann, der ‚Kashmiri‘ Seife benutzt, sich vor den Frauen kaum noch retten kann. Inzwischen im Badezimmer, fällt Anand Prakashs Blick auf den Seifenspender. Fast leer!
„Kashmiri Seife kaufen“, sagt er laut.
„Bestellung wird abgeschickt“, erwidert die Stimme.
Wie jeden Morgen duscht Anand ausführlich. Er genießt das Gefühl des Wassers, das seinen Körper hinunterrinnt, das allmähliche Wachwerden, die Verwandlung des schlaftrunkenen in den fitten Anand, bereit für einen weiteren produktiven und konsumreichen Tag.
Sein Badezimmerdesign heißt ‚Tropenluft‘ – Wandvisionen zeigen Strände und in leichtem Wind wiegende Palmen. Untermalt werden die Bilder vom Geräusch sanften Meeresrauschens, und die neue Geruchs-App versieht das Erlebnis mit einer salzigen Note in der Luft. Hier rasiert sich der junge Medizintechniker noch, bevor er in sein Schlafzimmer zurückkehrt, wo das Futonbett gerade bei den letzten Bewegungen des automatischen Bettenmachens ist.
Die Tagesdecke besteht aus silbergrün glänzendem Stoff. Prakash wirft einen Blick auf das scheinbar darauf wogende holografische Reisfeld. „Tagesdecke ändern“, befiehlt er und betrachtet, während er sich einen leichten weißen Leinenanzug mit dem Logo der Firma „Chef“ anzieht, die sekündlich wechselnden beweglichen Bilder auf dem Stoff – ein kurz geschorener Rasen, ein japanischer Steingarten, ein Schachbrett, Katzenbabies, Käfer… „Stopp!“ Der Besitzer des Bettes betrachtet amüsiert neun schwarz schimmernde Käfer, die auf seiner jetzt hellbraun gefleckten Decke herumlaufen.
„Design von Dhalia Dhali. Kostenpunkt zwölf Pan. Wenn Sie jetzt kaufen möchten, sagen Sie bitte ja. Der Kaufpreis wird dann von Ihrem Bankkon…“ – „Ja“, unterbricht Anand. „Danke dass Sie…“ „Schließen!“ befiehlt er und mustert kurz sein Spiegelbild in der Schranktür. Ein mäßig attraktiver, kaum einssiebzig großer und recht hellhäutiger (Bleichcreme ‚Handsomewhite‘) Inder blickt ihm aus grünen Augen (implantierte Linsen, erworben in der Augenklinik ‚Schönblick‘) entgegen. Hat er um die Bauchgegend etwas zugelegt? Ein Junggeselle Mitte Zwanzig, der in letzter Zeit an Ehe und Familie denkt, sollte definitiv auf sein Aussehen achten. Als er sich ein wenig dreht und wendet, um das zu begutachten, ertönt wieder die Stimme: „Eine gute Figur können Sie erwerben. Institut ‚Slim‘ bietet Absaugen ohne Voranmeldung. Kommen Sie einfach nach Feierabend…“ „Stopp!“ unterbricht Prakash. Die anschließende Stille klingt irgendwie beleidigt, was ihn veranlasst hinzuzufügen: „Später erinnern!“. „Verstanden“ bestätigt das System, untermalt von einer fröhlichen Melodie.
In der Küche, die auf lautlose Kommunikation eingestellt ist, prüft Anand mit einem schnellen Blick die Einkaufsliste auf dem Bildschirm, der in die Tür des Kühlschranks eingelassen ist, und bestätigt dessen Lebensmittelbestellung mit einem Fingerdruck. Gleich darauf springt der automatische Frühstücksbereiter mit lautem Klingeln auf, um Toast und Kaffee zu präsentieren – nicht ohne einen kleinen Schriftzug darüber: „In der Frühe braucht man doch / ‚Byriani’s Zubereiter als Zauberkoch! Erwerben sie die neue, verbesserte Version und erleben sie den neuen, verbesserten Frühstücksgenuss!“.
Der junge Mann nimmt am Küchentisch Platz. Sofort erscheint vor ihm in Augenhöhe, untermalt vom Jingle des Verlags, das holografische Bild der Titelseite des ‚Mumbai Preview‘ mit einer Liste der Artikel in der heutigen Ausgabe. Anand deutet kurz auf eine Schlagzeile und die entsprechende Meldung poppt auf:

‚Anzahl der Entlassungen in Europa steigt weiter an!
Wie das europäische statistische Zentralamt erklärt, ist im vergangenen Quartal die Zahl der Personen, die aus bürgerlichen Gebieten entlassen werden mussten, wieder leicht angestiegen und lag zuletzt bei durchschnittlich zwei Personen täglich pro Wohngebiet. Das entspricht 0,1 Promille der Bevölkerung. „Die Zahl scheint gering, aber wenn das so weiter geht müssen wir doch über Steuerungsmaßnahmen nachdenken“, erklärte der Sprecher des Amtes für Bürgerverwaltung, D. Meier. Sonst sei längerfristig mit Engpässen in einigen Branchen zu rechnen, die eventuell mit organisiertem Nachzug aus Außengebieten kompensiert werden müssten. Das wäre allerdings die letzte Option, da Zuzug immer mit hohem Integrationsaufwand verbunden sei. „Klüger wäre es, wenn mehr im Vorfeld gearbeitet würde, um die Anzahl der Ausweisungen zu verringern. Es kann ja nicht angehen, dass wir unsere eigenen Leute wegen Fehlverhaltens ausweisen, um dann Fremde herein zu holen, die das richtige Verhalten erst lernen müssen“, erklärte Herr Meier noch und ergänzte, Europa solle sich auf anderen Kontinenten umschauen, ob dort nicht Lösungsansätze zu finden seien. „Häufigstes Ausweisungsmotiv ist mangelnder Konsum nach plötzlich aufgetretener Werberesistenz. Es muss doch Gründe geben, warum dies bei uns immer öfter auftritt, woanders aber nicht. Wenn wir die kennen, können wir bestimmt auch etwas dagegen unternehmen.“ Mit diesen optimistischen Worten beendet der Sprecher das Interview.‘

Während Prakash dem Beitrag lauscht, wandern seine Augen durch den Raum und bleiben fasziniert an den Farben hängen, die das durchs Fenster einfallende Sonnenlicht erzeugt. Es erinnert ihn… erinnert ihn an die Zeit als er und seine Geschwister bei Mama in den Außengebieten aufwuchsen. Bevor die Talentjäger der Regierung, die immer nach begabten, anpassungsfähigen jungen Leuten suchten, ihn entdeckten und ins Internat brachten, wo er und andere Kinder unterrichtet und indoktriniert worden waren, bis sie die Werte der Konsumgsellschaft und ihre Rolle darin akzeptiert und die elende Slumvergangenheit hinter sich gelassen hatten.
Warum ist ihm jetzt so wehmütig zumute? Es ist der Traum jedes Slumkindes, zu den Erwählten zu gehören, die in abgeschlossenen Wohngebieten leben, in denen es alles gibt, wo es immer sauber ist, wo man alles kaufen kann was man möchte! Jeder dort fände es lächerlich, wenn er hörte, dass einer, der es geschafft hat, sich manchmal nach draußen, in die gefährliche, anarchische, von Mangel geprägte Außenwelt zurück sehnt.
Und doch… Anand blickt auf seinen Frühstückstisch und sieht die bereit liegenden Tabletten. Er spült alle drei mit Wasser hinunter und es dauert nur Sekunden, bis sich die Gefühle, die er eben noch hatte, wie alle anderen im Hintergrund lauernden Emotionen in die hinterste, dunkelste Ecke seines Bewusstseins verkrochen.
„Wetterbericht“ befiehlt er laut und die Sprecherstimme informiert ihn, es sei leichter Nieselregen angesagt. Sie empfiehlt einen Schirm und den Kauf von vorbeugenden Medikamenten gegen Erkältung. Anand zieht eine regenfeste Jacke an, greift nach seinem Schirm und verlässt sein Appartement.
Das in dezenten Beigetönen gehaltene Treppenhaus ist mit dickem Teppichboden ausgelegt. Als Anand sich zu dem jungen Paar stellt, das schon auf den Lift wartet, erscheint plötzlich eine holografische Vision, die für wenige Sekunden dem ganzen Flur ein anderes Aussehen verleiht – Boden und Wände scheinen nun bunt gekachelt. „‚Wohn-Art‘ sorgt für Abwechslung in Innenräumen!“ verkündet eine rauchige Stimme, bevor die Vision wieder verschwindet.
„Mist, auf einmal wirkt unser schöner neuer Teppich irgendwie schäbig.“ Prakashs direkter Nachbar ist eben aus seiner Wohnung gekommen und macht die Bemerkung mit einem kleinen Lächeln. Mohan Karamchand scheint oft etwas über den Dingen zu stehen und vieles nicht so ernst zu nehmen. Der fröhliche ältere Herr mit braunen Haaren und stämmigem Körperbau verdient als Zahnarzt hervorragend und gibt in seiner großen, elegant eingerichteten Wohnung gerne Dinnerparties, zu denen er Anand oft einlädt.
Der erwidert jetzt lächelnd: „Ich glaube nicht, dass sich die Etagenversammlung schon wieder treffen will, um ein neues Flurdesign auszusuchen.“
„Da könnt ihr Gift drauf nehmen“, bemerkt nun die junge Frau, die mit ihrem Mann ebenfalls auf den Lift wartet, der sich kurz darauf öffnet und das mittlerweile in eine lebhafte Unterhaltung verstrickte Quartett aufnimmt. Von dem kleinen Audiospot, der Fahrstuhlbenutzern nahelegt, auf dem Weg zur Arbeit für einen Kaffee im ‚Starcent‘ („Hier wachst du erst richtig auf!“) einzukehren, wird dabei keine Notiz genommen.
Warme, leicht feuchte Luft empfängt Prakash beim Betreten der sauberen Straße. Er entscheidet sich spontan für einen kleinen Umweg zur U-Bahn, um sich unterwegs noch einen ‚Coffee-to-go‘ mit zwei Muffins in einer ‚Starcent‘-Filiale zu kaufen, bevor er in die Bahn einsteigt, die ihn zu seinem Arbeitsplatz bringt.
Die Fahrt zum Büro des jungen Ingenieurs führt ihn aus dem geschützten Sektor, in dem er mit rund zwanzigtausend weiteren Bürgern lebt, unter den slumartigen Teilen von Mumbai hindurch. Nach offiziellem Sprachgebrauch sind es keine ‚Bürger‘, sondern einfach Leute, die dort in zerfallenden Unterkünften, ohne regulierte Infrastruktur in Armut und verseuchter Luft ihr Leben fristen. Diese Slums unterirdisch durchquerend bringt die Schnellbahn Angestellte aus den abgeschotteten bürgerlichen Wohngegenden zu außerhalb angesiedelten Firmen.
Im Wagon ist heute ein ‚Animateur‘ unterwegs. Der kleine, freundlich wirkende Roboter, dessen Design an R2D2 aus ‚Star Wars‘ erinnert, jedoch mit beweglichem Mund und ausdrucksvoll scheinenden Augen am halbkugelförmigen Kopf, rollt durch den Mittelgang und fordert zum Konsum auf. „Haben Sie heute schon eingekauft? Heute schon eingekauft?“, fragt er unablässig, meist ins Blaue, spricht aber immer wieder auch unvermittelt jemanden direkt an.
„Hast du heute schon etwas gekauft?“ will die Maschine von einem etwa achtjährigen Mädchen wissen, das auf der anderen Seite des Ganges neben Anand sitzt.
„Nein“, antwortet die Kleine mit von Schreck piepsiger Stimme.
Das Gesicht des Roboters scheint auf einmal viel weniger nett. „Konsum ist die Basis der Gesellschaft“, erklärt er streng dem Mädchen, das nun fast zu weinen beginnt, und wendet sich an die daneben sitzende Mutter, der das schlechte Gewissen anzusehen ist.
„Seien Sie Vorbild – kaufen Sie jeden Morgen schon vor der Schule wenigstens eine Kleinigkeit! Kein Konsum, keine Arbeit, kein Wohlstand!“
„Ja, ich bin nur heute früh noch zu nichts gekommen“, erwidert die Frau hektisch und kramt ihr Mobilgerät hervor. „Ich rufe sofort bei Ultra an und bestelle ein Spielzeugkaufhaus“, erklärt sie dem Animateur, der sie noch einige Sekunden misstrauisch bobachtet, um dann weiter zu rollen.
Anand schaut nachdenklich hinter der silbrigen Gestalt her, die sich langsam den Gang der U-Bahn entlang bewegt und unablässig fragt „Haben Sie heute schon eingekauft?“. Dieser wunderbare Roboter hat jetzt dafür gesorgt, dass ein Kind, das an diesem Morgen noch nichts bekommen hat, sich jetzt auf ein Spielzeugkaufhaus freuen kann, das später daheim auf es warten wird. Und es hat eine Lektion über die Wichtigkeit des Konsums gelernt. Sicherlich wird es die Mutter von nun an morgens daran erinnern und so bereits in diesem jungen Alter helfen können, der Gesellschaft von Nutzen zu sein.
Und doch… Anand meint Zeichen des Unmuts bei einem jungen Pärchen ihm gegenüber zu bemerken. Auch das soeben beschenkte Kind scheint eher verstört, ebenso wie seine Mutter.
Was stimmt nicht? Was stimmt da bloß nicht?