Eine kleine Geschichte

9. September 2018 Aus Von Anke Brehm
In der U-Bahn

„Wer in unserem Alter noch rennt, hat sein Leben nicht im Griff“ behauptet meine Freundin, aber ich kann die Straßenbahn nur rennend noch erwischen und mag keine zehn Minuten mit Warten auf die nächste verschwenden, also fetze ich auf die Haltestelle Kursaal zu, komme mir aber dabei schon ein bisschen albern vor und schaffe es nur deshalb noch, weil mir ein netter junger Mann die Tür aufhält.
Ich danke ihm mit einem – wie ich hoffe – strahlenden Lächeln und betrete die knallvolle U2. Wie immer schaue ich mich nach einem Platz um, wo ich vorwärts sitzen kann. Es gibt nur einen, am Fenster neben einer Frau, die ihn mit zwei großen Taschen belegt. Manchmal ärgere ich solche Leute gern, indem ich mich grade extra auf den so besetzten Sitz zu bewege und vorgebe, nicht zu bemerken, wie brummig sie ihr Zeug für mich weg räumen. Aber im Moment bin ich nicht in der Stimmung, sondern warte, bis kurz vor der nächsten Station jemand aufsteht und ich dessen Fensterplatz neben einer älteren Frau in einem hellrosa Kostüm einnehmen kann.
„Schau, da auf der Marktstraß isch bald wieder Töpfermarkt“, sagt, auf ein großes Plakat hinweisend, der ihr gegenüber sitzende Mann zur pinken Dame. Sie nickt kurz, sagt aber nichts dazu. Erst etwa zwanzig Sekunden später meint sie: „Du, der Karle hat fei angrufen, er will vielleicht nägschdes Wochenend vorbei kommen.“
Inzwischen hat ein lebhafter Wechsel der Fahrgäste stattgefunden. Die Frau mit den Taschen musste, da sie ausgerechnet die Bank gegenüber dem für Kinderwagen reservierten Sitz belegt hatte, zähneknirschend nicht nur ihr Zeug wegräumen, sondern sogar selber aufstehen, für eine top gestylte italienische Mamma und ihren schwarzgelockten Sohn. Die entzückende, etwa vierjährige Tochter in hellblau-weiß gemustertem Rüschenkleid sitzt auf dem Einzelplatz gegenüber und daneben ein Kleinstkind im Buggy.
„Des Haus renoviered se, des isch au beschtimmt scho wieder vierzig Jahr ald, dabei kann i mi an die Bauzeit erinnern als wärs geschdertn gwesen“, wird meine Sitznachbarin von ihrem Mann auf ein Gebäude aufmerksam gemacht. Sie wirft nur einen kurzen Blick darauf, ist offensichtlich durch die lebhafte Familie abgelenkt und bemerkt: „die Claudia war au so hübsch ond hat so’n neddes Kleidle ghabt, als se in dem Alder war!“
Der Mann müsste sich umdrehen, um zu sehen wovon sie spricht, macht sich aber nicht die Mühe. Eine Zeitlang herrscht Schweigen zwischen den beiden, auch die italienischen Kinder sind ruhiger. Ein unauffälliger junger Mann mir gegenüber liest in einem E-Book. Ein Nachteil von E-Books ist, dass man als Gegenüber nicht auf’s Cover linsen und so erfahren kann, was da gerade gelesen wird.
Nun ja, dann schaue ich halt aus dem Fenster. Wir erreichen gerade die Haltestelle Mineralbäder. „Guck, die Blätter send jetzt wieder schee bunt“ freut sich meine Nebensitzerin. Ihr Mann kriegt seinen Mund wieder erst eine Weile später auf, als wir schon wieder ein Stückchen weiter sind und gerade den Außenpool des Mineralbads Berg in Sichtweite haben.
„Heut send aber ned viele Leut da, dabei isch so schenes Wedder.“
Heimlich schmunzelnd meine ich, eine Tendenz zu erkennen: Die glauben sicher sie würden sich miteinander unterhalten, denke ich, während doch eigentlich beide immer nur das sagen, was ihnen selbst grade im Kopf rum geht. Aufeinander eingehen ist nicht. Ob das wohl, so frage ich mich, das Geheimnis einer guten Ehe ist?
Jetzt aber werde ich von etwas anderem abgelenkt, und zwar von einer Frau, die weiter vorne, sozusagen Rücken an Rücken mit meinem lesenden Gegenüber, so dass ich also nur Teile ihres dauergewellten, weißblonden Hinterkopfes sehen kann, ziemlich laut auf die Frau neben ihr einredet. Und zwar folgendes:
„Jetzt holen die die ganzen Flüchtlinge aus Afrika da her, und wer darf wieder dafür bezahlen? Na wir! Wir arbeiten unser ganzes Leben, schaffen uns den Buckel krumm und die kommen her und kriegens vorn und hinten reingestopft. Die gebratenen Tauben fliegen denen ins Maul, während wir uns kaputt arbeiten müssen für ein bisschen Rente…“.
So lamentiert sie weiter und alle anderen Leute um uns herum sind still, sehr still – es ist ganz deutlich, dass jeder zuhört. Nur das kleine Mädchen spricht italienisch mit ihrer Mutter, die auch nur leise antwortet.
Ich linse ein bisschen herum, versuche den Leuten an den Gesichtern Zustimmung oder Ablehnung abzulesen. Der Ebook-Leser scheint ungerührt weiter auf seine Lektüre konzentriert, aber er tippt nicht mehr so schnell hintereinander zum Umschalten aufs Display. Das Ehepaar hat steinerne Gesichter bekommen. Die Vierer-Sitzgruppe an der anderen Gangseite neben uns ist von Jugendlichen belegt, die leise, für mich nur teilweise verstehbare Bemerkungen machen – zum Beispiel darüber, dass an Tauben ja nun nicht viel dran sei –, welche die jeweils anderen zu unterdrücktem Kichern verleiten.
Gegenüber der Lästerin sitzt ein durch traditionelle Kleidung erkennbar muslimisches Paar, das die Kunst des undurchdringlichen in-die-Luft-Schauens perfekt beherrscht. Die italienische Familie wirkt mit sich selbst beschäftigt. Niemand scheint mit dem Geschwätz der Frau einverstanden zu sein, aber wie immer in solchen Fällen widerspricht auch keiner. Selbst die andere Dame daneben, die Adressatin des Geschwätzes, sagt einfach nur gar nichts. Und auch ich schweige, habe genau den selben Widerwillen dagegen, mich in der Öffentlichkeit hinzustellen und Stellung zu beziehen.
So lamentiert die Frau ungestört weiter. „Der hat schon recht gehabt mit seinem Buch. Die sind doch alle nix wert. Und du glaubst doch wohl net, dass die wieder weggehen, wenn der Krieg da vorbei ist…“.
Mir liegt alles mögliche auf den Lippen, aber ich schweige. Wenn jemand direkt angegriffen würde, dann würde ich etwas unternehmen, sage ich mir, aber nicht einfach auf ein paar allgemeine Äußerungen einer Fremden hin. 
Doch dann geschieht etwas: Es dreht sich plötzlich der Ehegatte um, tippt die mit dem Rücken zu ihm sitzende Lästerin auf die Schulter und sagt dann sehr laut:
„Ja, wenn des ned die Frau Kunze isch! Die des große Haus von ihren Eltern geerbt hat und jahrelang davon glebt hat, Zimmer an Asylbewerber zu vermieten. Kannsch dich noch erinnern, Gerda, die hat doch immer ganze Familien in ein Zimmer gsteckt und Höchschtmieten vom Amt kriegt!“
Seine Frau hat sich gestreckt und wirkt auf einmal viel größer. Auch ihre Stimme ist jetzt ein ganzes Stück lauter, als sie antwortet: „Ja klar, und dann hat se die Leut noch gezwungen, bei ihr zu arbeiten. Da war immer alles gschleckt, im Haus hend die Fraue und sogar die Kinder geputzt und gekocht und des handwerkliche ond die Gartenarbeit durfded die Männer mache.“
Die böse Alte hat sich zu den beiden umgedreht, so dass auch ich jetzt ihr Gesicht sehen kann. Sie sieht eigentlich ganz gut aus für ihre schätzungsweise sechzig Jahre, ist aber zu stark geschminkt. Ihr Ausdruck schwankt zwischen Fassungslosigkeit und Empörung. Sie öffnet und schließt den Mund wie ein Fisch im Aquarium, aber da redet der Mann schon wieder:
„Aber dann isch elles rauskomma, weil eine von dene Flüchtlinge war Anwältin.“ Habet Sie“, wendet er sich jetzt wieder direkt an die ehemalige Nachbarin, deren Mund nur noch wie ein Fischmaul auf und zu geht. „Habet Sie die damals ned sogar dafür als Mieterin genommen weil se von ihr Ihren Schriftverkehr erledigt habe wollten? und dann hat se zu viel davon verstanden und hat sie angezeigt, wars ned so?“
„Ond am Schluss hat se’s Haus verkaufe müsse“ bemerkt die Gattin. „Wo sind se denn dann hinzoge?“ Das ruft sie der Frau hinterher, die mittlerweile aufgestanden ist und sich an den Ausgang gestellt hat. Wir kommen gerade an der Haltestelle Neckartor an und die Alte hat es so eilig rauszukommen, dass sie beinah ein Kind über den Haufen rennt, stolpert und hinfällt. Als unsere Bahn anfährt, kann man gerade noch sehen, wie sie schwerfällig wieder aufsteht. 
Die Gruppe Jugendlicher schaut ihr nach und johlt. Der Ebook-Leser hat ein kleines Lächeln im Gesicht. Das muslimische Paar sitzt kerzengerade, während die Frau ihrem Mann das Vorgefallene anscheinend übersetzt, und die Italienerin versucht, ihren Kindern zu erklären, warum die böse Frau hingefallen ist.
Das Ehepaar wirkt sehr zufrieden mit sich, steht auf und verlässt die Bahn Hand in Hand an der nächsten Station. Ich nehme innerlich alle meine vorigen Urteile über die Beiden zurück und steige am Charlottenplatz in super Stimmung aus.

Kurzgeschichte. Neueste Fassung vom 9.9.2018. © Anke Brehm