Reiseberichte – Der Erste

23. September 2018 Aus Von Anke Brehm

Mit Boot und Bus durch Kerala

Kerala ist der südwestlichste Staat Indiens, es ist tropisch heiß. Die lange Westküste ist über weite Strecken sehr felsig, es gibt nur wenige schöne Strände.

Ich liebte vieles an Kerala. Die Einheimischen waren sehr freundlich, ein spezieller Menschenschlag unter den Indern. Man war in mancher Hinsicht fortschrittlicher als im restlichen Indien. Der Bildungsstandard war höher, die Frauen relativ selbstbewusst, was sich auch in einer speziellen Art äußerte, sich zu kleiden: Sie trugen kaum Saris, sondern wickelten Lunghis, das sind kleinere Tücher, etwa wie indonesische Sarongs, auf verschiedene Arten um den Körper. Das sah unheimlich gut aus und war viel einfacher als das Wickeln von Saris. Ich schaute mir einige der Techniken von den Frauen dort ab und kleidete mich danach manchmal selbst auf diese Weise, die ich außerhalb des südwestlichen Bundesstaates nirgends an indischen Frauen entdeckte.

Mir gefiel auch, wie das Essen oft nicht auf Tellern, sondern auf großen Bananenblättern serviert wurde. Und man spricht dort eine Sprache namens Malayalam, die sich sehr melodiös anhört. Es war ein Genuss, diesem Singsang zu lauschen.

Mit einem Bootstrip durch die Backwaters begann die erste längere Tour, die ich in Indien ganz allein unternahm. Das teilweise natürliche, teilweise in Jahrhunderten ausgebaute Fluss- und Kanalsystem zieht sich über viele Kilometer hinter Keralas Küste entlang. Ich verbrachte fast einen ganzen Tag, vom späten Vormittag bis kurz vor Sonnenuntergang, auf dem Ausflugsboot, das mich mit vielleicht zwanzig weiteren Reisenden langsam durch die Kanäle beförderte. Die Stücke von Land zwischen den Wasserstraßen wirkten mehr wie kleine Inseln, es war wirklich nicht zu unterscheiden, ob hier das Land von Wasser durchströmt, oder das Wasser von Inseln durchsetzt war. Jedenfalls war alles grün und blühend, eine malerische Gegend voller Mangrovenwälder – und voller Moskitos. Ich beneidete trotz der Schönheit der Landschaft die Menschen nicht, die in diesem sumpfigen Gelände lebten, das sicher vor Krankheitserregern nur so wimmelte.

In einer kleinen Stadt legte das Boot an und ich verbrachte eine Nacht in einem Hotel, um am nächsten Morgen ganz früh per Bus zu einem Naturschutzgebiet im Landesinneren zu fahren. Die Beschriftungen am Busbahnhof waren, wie sich herausstellte, nicht in lateinischen Buchstaben verfasst. Ich fragte mich also durch und jemand zeigte mir einen Bus, der zu meinem Zielort, beziehungsweise zum nächsten großen Umsteigebahnhof dorthin, fahren sollte. Der Schaffner des Busses, bei dem ich mich nochmal zu vergewissern versuchte, dass es sich um den richtigen Bus handelte, war ein dünner, kleiner Mann, welcher meine Frage mit einem Nicken beantwortete und mir dann den Fahrschein verkaufte. Ich ahnte nicht, dass Inder es für ungebührlich hielten, eine Frage mit nein zu beantworten und als ich Stunden später, nach einer zum größten Teil im Stehen verbrachten holprigen Fahrt zwischen dicken Inderinnen mit angeleinten Ziegen und Körben voller Hühnerküken (es war ehrlich gesagt großartig, ich liebte es!) erkennen musste, dass ich völlig falsch gefahren war, schrie ich den Schaffner erstmal empört an – er machte ein erschrockenes Gesicht und lief davon. Ich weiß noch, wie verwundert ich war. Noch nie war es passiert, dass man vor mir kleinem zierlichem Frauchen davonlief! Heute weiß ich, dass niedrigkastige Hindus aus reinem Selbstschutz vor den meisten anderen Menschen Angst haben, da sie praktisch rechtlos sind. Wer wusste schon, wozu so eine hellhaarige Frau aus dem Westen imstande war, da haute man lieber sicherheitshalber ab!

Mein Selbstbewusstsein wurde dadurch jedenfalls in dem Moment schlagartig angehoben und ich machte mich mit frischer Energie daran, die Situation zu sondieren.

Fortsetzung folgt.